Kirchenbücher von
St. Johannis
Vortrag auf der Jahresmitgliederversammlung
des Fördervereins Johanniskirche Plön e.V.
am 29. März 2007
von
Dr. Gerhard Kay Birkner
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Taufbuch

"Taufbuch" mit zwei ff und die Jahresangabe »ANNO 1685« sind mit Tinte sicherlich vom ersten Pastor der Gemeinde auf das Pergament geschrieben, von dem aus Riga stammenden Heinrich Petersen. Ein Schmierfink hat später "1801" als Ende der Berichtszeit ergänzt.

Wie hier auf der ersten Seite beginnt der Pastor mit großer Sorgfalt und Gläubigkeit seine Eintragungen "Im Nahmen Jesu Christi". Wir sehen uns die Einträge 1 und 2 im Klartext an.

Neben "Jesu juva", also "Jesu hilf", und dem Alpha und Omega, zitiert Petersen eine zur Taufe passende Stelle aus dem Brief an die Galater, ferner seine Eröffnungsnotiz.

Die Taufeinträge sind zunächst fortlaufend numeriert, nach der dänischen Verordnung vom Sommer 1766 nur noch innerhalb des Kirchenjahres [ 1. Advent bis 1. Advent ], und ab 1767 wird auch der Geburtstag obligatorisch notiert. Vor 1767 liegen maximal drei Tage zwischen Geburt und Taufe, danach auch bis zu zehn Tage, um z.B. die Anreise von entfernten Taufpaten zu ermöglichen.

Bei den Taufeinträgen werden Name und Beruf des Vaters in der Regel genannt, seltener der Mädchenname der Mutter. Die Schreibung der Familiennamen ist eher lautmalerisch und nicht fest, wie im vorliegenden Beispiel für den des Glasers Kohlmeier. Drei Paten hat jeder Täufling, ein Junge zwei Paten und eine Patin, ein Mädchen entsprechend umgekehrt, mit dem Bemühen, möglichst hochrangige Gevattern zu gewinnen. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts werden zunehmend Verwandte und Freunde an das Taufbecken gebeten. Höhergestellte Paten lassen sich meist vertreten. Die Vornamen der Täuflinge orientieren sich zunächst an den Paten. Daher bevölkern anfangs viele Einwohner mit den Vornamen Hans Adolf, Adolf August (sein Sohn), Joachim Friedrich oder Friedrich Karl die Neustadt, und nach Erlöschen des herzoglichen Hauses 1761 werden gerne die Witwe des letzten Herzogs, Christine Armgard (1711-1779), und die Tochter des Herzogs Joachim Friedrich (1706-1722), Charlotta Amalia (1709-1797), aus Anhänglichkeit an alte herzogliche Zeiten ans Taufbecken gebeten. Gegen Ende des Jahrhunderts finden wir erfreulicherweise viele neue, bisher ungewohnte Vornamen in den Büchern.

Bei Geburten und Taufen ist der Tod für Mutter und Kind oft naher Begleiter:

Wie bei diesem Eintrag gewinnt man Einblick in Berufe und Funktionen, in familiäre Bindungen und Freundschaftsgeflechte, aber auch in Leid und Hoffnungslosigkeit, die durch Tod der Mutter im Kindbett und kurzes Leben des Neugeborenen durchlitten werden. Confessors wohnen in einem einstöckigen Haus auf dem Grundstück der heutigen Johannistraße 47.

Typisch für die damalige religiöse Kategorisierung sollen die beiden folgenden Einträge sein:

Man kann häufig lesen, die Neustadt sei Glaubensflüchtlingen eine Zuflucht gewesen, die Kirchenbücher bestätigen das bis auf einzeln begründbare Ausnahmen überhaupt nicht. Dem Umstand, daß die aus St. Gallen stammende Mutter des Waisenhauses reformiert ist, verdanken wir die fernere Kenntnis, wer die Waisen eigentlich bekocht, ein Mädchen aus der Johannisstraße 23.
Der kleine Hans Adolf hat offenbar keinen Vater, das hat der Pastor zu klären. Er muß die Frage nach der Vaterschaft stellen und bemerkt:

...und da könnte man sehr salopp kommentieren: man bekommt anscheinend ein Kind en passant wie einen Schnupfen.

Pastoren müssen rechnen können, müssen wenigstens in der Lage sein, vom Geburtstag eines Kindes neun Monate zu subtrahieren, um festzustellen, ob sie es mit einer "geschwächten" Mutter zu tun haben, die nicht mehr Jungfer zur Zeit der Hochzeit war, sondern vorehelich beigewohnt hat. Das wird notiert. Diese Rechnerei ist nicht eine Besonderheit der Plöner Kirchenbücher, sondern sie dient als Begründung und Beleg für einzuziehende "Brüche" - kleinere Strafgelder "zur Stärkung der Einnahmenseite".
Mit Erlöschen des herzoglichen Hauses verschwinden in den Folgejahren die Hof-und Schloßbedienten aus den Kirchenbüchern, an ihre Stelle treten Bürger der Altstadt und Personen aus der engeren und zunehmend auch weiteren Umgebung Plöns. Für die Geburtenrate hat besonders die Einquartierung einer dänischen Schwadron Dragoner, etwas über 100 Reiter samt Familien, fruchtbare Wirkung - speziell ein Reiter ist nicht nur bei seiner eigenen Frau beliebt, sondern auch bei den Dienstmädchen der Neustadt. Dem Handel und Gewerbe in der Neustadt geben die Soldaten kaum frische Impulse, da sie für ihre speziellen Bedarfe eigene Handwerker mitbringen.

In diesem Falle müssen dem Pastor schon rundliche Wölbungen aufgefallen sein, bei einer Geburt zwei Monate nach der Hochzeit. Als Strafe für den armen Täufling wird seine Taufe ohne Sermon, also ohne kleine Taufpredigt, geschäftsmäßig "Im Namen Jesu Christi" vollzogen.

Wenn die öffentliche Hand kein Geld hat, wird gespart. So auch im Herzogtum, das 1706 nach Ableben des Herzogs Hans Adolph, seines Sohns und Enkels hochverschuldet ist. Es heißt, Personalkosten und damit Stellen einzusparen! So wird 1707 mit dem Fortgang des bisherigen Pastors der Neustadt die Stelle nicht wieder besetzt, die Amtsgeschäfte müssen die Pastoren der Altstadt (lustlos) mit übernehmen. Derartige Zustände haben in der Regel eine hohe Lebenserwartung, auch in unserem Falle dauert die Vakanz fast zwei Generationen.

Der letzte Herzog Friedrich Karl ist ausgabenfreudig, da sich Dänemark als künftiger Erbe des Herzogtums vertraglich verpflichtet hat, alle auflaufenden Kosten und Schulden zu übernehmen. Zudem liegt dem letzten Herzog sein lutherisch-orthodoxer Superintendent Petrus Hanssen penetrant in den Ohren, daß um Christi willen endlich "seine" Stellen wieder besetzt werden mögen. Zwar hat damit die Neustadt wieder einen neuen Pastor, aber nach dem 1761 eintretenden Erbfall folgen unter der dänischen Verwaltung bis etwa 1780 viele kurzfristige Stellenbesetzungen, ...

... so daß der Leser der drei Kirchenbücher es mit einem wahren Augenpulver zu tun hat: Kaum hat er sich in eine Handschrift eingelesen, kommt eine neue - und damit schließen wir das Taufbuch.
© 2007 Gerhard Kay Birkner
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