Kirchenbücher von
St. Johannis
Vortrag auf der Jahresmitgliederversammlung
des Fördervereins Johanniskirche Plön e.V.
am 29. März 2007
von
Dr. Gerhard Kay Birkner
Einführung
Seit über 300 Jahren liegen die frühen Kirchenbücher der Johanniskirche, die über die menschlichen Geschehnisse in der Plöner Neustadt bis 1801 berichten, praktisch unzugänglich in Schränken aus Holz oder Stahl. Sie sind ein Schatz, der in den letzten 200 Jahren vielleicht alle zehn Jahre oder seltener von einzelnen Personen ans Licht geholt wurde, und das ist wegen seines einzigartigen, kulturhistorischen Wertes auch gut so. Die Kirchenbücher sind aus ihrer Sicht "in jüngster Zeit" zweimal zur ihrer Sicherheit verfilmt worden. Benutzbar sind Kopien im Kirchenbuchamt in Bad Segeberg. Grundsätzliches und Kurzweiliges aus dem Füllhorn der knapp 3.000 Einträge soll hier berichtet werden.

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Die Gründung der Plöner Neustadt vor dem Wentorfer Tor, also außerhalb der Altstadt mit ihren städtischen Rechten, ist ein bewußter Akt der Peuplesierungspolitik des Herzogs Hans Adolph, um Volk und neue Einwohner [ peuple ] anzusiedeln, die in einer Art Gewerbepark altes oder neues Handwerk oder Gewerbe betreiben, die mit ökonomischen Freiheiten ausgestattet und mit moderaten Abgaben belastet sind und die mit Fleiß [ lat. industria ] Produkte herstellen und vertreiben. Diese Wirtschaftspolitik ist eine Frühform des industriellen Merkantilismus. Vielleicht nach dem Vorbild von Friedrichstadt der Gottorfer Herzöge, stiftet Hans Adolph ein nicht der Altstadt und deren Privilegien unterworfenes Gemeinwesen, sondern ein in das Amt Plön [-Land] eingegliedertes Gemeinwesen mit eigener Niedergerichtsbarkeit. Hans Adolphs Vorleistungen sind grob vergleichbar mit der heutigen antizyklischen Wirtschaftpolitik, nach der der Staat zunächst einen Kredit aufnimmt, also Schulden macht, um damit wirtschaftsfördernde Maßnahmen anzuschieben, aus deren Erträgen bzw. Steuern die aufgenommenen Kredite bedient und getilgt werden können. Möglicherweise ergibt sich per saldo ein Überschuß zugunsten des Investors. Als Morgengabe bringt der Herzog beispielsweise ein als Gebäude bereits existierendes neues Waisenhauses mit in das Gemeinwesen ein, der spätere Prinzessinnenhof, das Haus, in dem Sie jetzt sitzen. Zur Ausstattung einer selbständigen Gemeinde gehört natürlich eine Kirche mit Friedhof, ferner ein Pastorat mit Scheune, ein Küster und die von ihm geführte einklassige Grundschule [ beides im Doppelhaus in des heutigen Johannistraße 51 ]. Neben weiteren kleinen Häusern, etwa 30 sogenannte Buden mit relativ kurzer Straßenfront, ist der Beginn der Johannistraße den Privatinvestoren vorbehalten: Auf der Wasserseite hat zunächst der Glaser Kohlmeier Wohnung und Werkstatt, der die ersten, nicht mehr erhaltenen Fenster in der gegenüberliegenden Kirche einsetzte, es folgen der Schlachter, der Buchdrucker, der Gastwirt und Bierbrauer, der Apotheker usw. In der Mittelreihe folgt auf Pastorat und Küster das "Krankenhaus" des Barbiers Joachim Maack, spezialisiert auf Gemütskrankheiten. Seine stationäre Behandlung lockt selbst Patienten aus dem Baltikum an - wenigstens zwei von ihnen hat er nicht lebensfroh und geheilt entlassen können, sie liegen auf dem Friedhof. Vom Moor an zieht sich die Hinterreihe, die heutige Hans Adolph Straße, hinunter bis zum Kleinen See. Besondere Bedeutung hat das Neustädter Armenhaus für die durch das soziale Netz gefallenen Bürger, die besonders, wie wahrscheinlich unsere Kinder auch, wegen Altersarmut für einen Gottestaler eine der zwölf Klappen in dem einstöckigen Hause bewohnen. Wie diese Einraumwohnungen ausgesehen haben mögen, können Sie im Lübecker Heiliggeisthospital beispielhaft sehen.
Um einen weiten Überblick zu bekommen, steigen wir auf den östlichen Schloßturm und sehen uns die Neustadt von dort an.
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Bis zur preußischen Reform von 1875 oblag der Kirche das gesamte Personenstandswesen, das sich sinnvollerweise in die drei zentralen Ereignisse menschlichen Lebens aufteilt: Geburt und Taufe, Hochzeit, Tod und Beerdigung. Zur Erstausstattung der im November 1685 geweihten Kirche von St. Johannis gehören auch drei Kirchenbücher. Sie sind im Urzustand praktisch gleich, waren anfangs unbeschrieben. Sie wurden von 1685 bis zum Ende des Kirchenjahres 1801 geführt, dann durch neue ersetzt. Seit jüngstem umschließt jedes eine schützende Hülle. Ich möchte mich auf den Zeitraum bis 1801 beschränken, 1848 verliert die Neustadt ohnehin ihre Eigenständigkeit und wird in die Altstadt eingemeindet. Erst 1934 wird die Neustadt kirchlich mit der Altstadt vereinigt.
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Für die drei Bücher mußte ein halbes Schwein seine Haut als Pergament für den Einband zum Buchbinder tragen, in der Einbanddecke steckt relativ fester, geleimter Karton und alle drei Bücher konnten durch je zwei, aber nicht mehr vorhandene Schließbänder verschnürt werden. Insgesamt hat der Buchbinder 123 Bogen hochwertiges, dickes und festes Schreibpapier verwendet. Es entfallen je 41 Bogen auf jedes Buch, wobei jeder Papierbogen mit den ursprünglichen Abmessungen 42 cm in der Breite und 33 cm in der Höhe zweimal gefaltet wurde, so daß nach dem Beschneiden des auf drei Pergamentbünde genähten Buchblocks drei sogenannte Quartbände entstanden mit den Abmessungen von 16 cm in der Breite und 20 cm in der Höhe für den Buchblock bei rot gefärbten Schnitten. Die die einzelnen Lagen verbindenden Bünde sind zum Teil gebrochen, der die Lagen zusammenhaltende Faden ist häufig gerissen. Eine buchbinderische Behandlung um 1900 hat den Zustand der Bände eher verschlechtert, denn um den Bänden Rückenschilder zu verpassen, wurde der Rücken in der Größe der Lederschilder ausgeschnitten. Noch sind alle Bände vollständig, trotz loser Lagen und Seiten, eine Restaurierung wäre sehr wünschenswert.

Was läßt sich über die Herkunft der Bände sagen, beispielsweise über das Papier? Das Wasserzeichen des Papiers zeigt eine für norddeutsche Verhältnisse ungewöhnliche Narrenkappe mit einer Drei-Ring-Marke und den Buchstaben HG. Eigene und Recherchen des Deutschen Buch- und Schriftmuseums in Leipzig ergaben keine klare Identifizierung der Papiermühle, es ist sicherlich nicht eine aus unserer Gegend, aus der aber der Papiermacher Gadebusch bekannt ist - eine eher zufällige Erklärung für das G, aber das H paßt nicht. Hinweise gibt es in der Fachliteratur, daß die Basler Papiermacherfamilie Düring das Papier im Auftrag des französischen Papierhändlers Henri Gaultier aus Angoulème hergestellt haben könnte. Ob die drei Bücher fertig gebunden in Lübeck oder Hamburg gekauft wurden oder ob sie in Plön entstanden sind, läßt sich nicht klären. Falls letzteres zutreffen sollte, dafür spricht manches, so wären die drei Bände dem Altstädter Buchbinder Nikolaus Fack zuzuschreiben, von dem einige Einbände in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel nachweislich erhalten sind.
Bevor wir die Bände aufschlagen ist zu fragen, was hat ihre Anschaffung damals gekostet? Summiert man uns bekannte Preise für Qualitätspapier, Pergament und Arbeitslohn, so entsprachen 1685 die drei Bücher dem Gegenwert von 2,5 Tagen Arbeitslohn eines Maurers oder Zimmermanns, oder von 4 Tagen eines gelernten Handlangers, oder von knapp 5 Tagen eines ungelernten, oder dem von 96 Mauersteinen, oder von 17 Pfund Rindfleisch, oder von 9 Pfund Kalbfleisch, oder von einem halben Lamm, oder von 3 Kilo Zucker, oder von 6 Kilo holländischem Käse, oder von 9 Pfund frischer Butter, oder von 16 Zitronen, oder von 60 Litern Milch.
© 2007 Gerhard Kay Birkner
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