Förderverein Johanniskirche Plön e.V.

Ansicht der Kirchenbücher: Das Todten Buch Anno 1685

Kirchenbücher von
St. Johannis

Einführung
Taufbuch
Kopulationen
Totenbuch
Ausklang

Siegel der St. Johanniskirche in Neustadt-Plön

Kirchenbücher von St. Johannis erzählen Geschichte(n)

Todten Buch

Vortrag auf der Jahresmitgliederversammlung
des Fördervereins Johanniskirche Plön e.V.
am 29. März 2007
von
Dr. Gerhard Kay Birkner

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Todten Buch

Toten Buch 1685 - 1801

Die ersten vier Einträge wollen wir uns ansehen.

Die ersten vier Einträge

Der erste Eintrag:

Der erste Eintrag

Wie kennen es schon: auch in diesem Falle werden alle Handlungen "Im Namen Jesu Christi" vollzogen, auch eine entsprechende Losung findet der erste Pastor der Neustädter Gemeinde aus den Evangelien des Matthäus und Johannis. Der Tod als Schlaf - vermutlich bis zum Jüngsten Gericht - bestimmt seine Interpretation des Todes.

Gliederung

Zum ersten Advent 1766 wird auch bei den Verblichenen auf die Zählung je Kirchenjahr umgestellt und obligatorisch wird das Sterbe- und Begräbnisdatum notiert. Die Zahl der Geburten ist fast gleich der der Sterbefälle im Berichtszeitraum 1685-1801.

Wachstumsdynamik der Neustadt

Trägt man die Differenz "Geburten minus Sterbefälle" auf und mittelt sie über den Zeitraum der 116 Jahre, so ist der anfängliche Geburtenüberschuß und das Wachsen der Neustadt auf die Wirtschaftsförderung durch Hans Adolph und auf das konsumfreudige Leben seines Hofes mit vielen Bedienten zurückzuführen. Unter seinem Nachfolger und der dänischen Zwangsverwaltung während des Interregnums ist die Wirtschaftslage katastrophal, Kinder zu haben muß finanzierbar sein, zugleich stirbt die ins Alter gekommene ehemalige Dienerschaft aus, die Neustadt schrumpft. Erst durch den letzten Herzog und seine Regierung auf Pump kommt neuer Schwung in die Wirtschaft, Zuzug neuer Bürger aus der Altstadt und der Umgebung in die preiswerten, durchgängig alten Häuser bremsen den Bevölkerungsschwund ab und kehren ihn um. In der dänischen Zeit ab 1761 bleibt die Differenz "Geburten minus Sterbefälle" deswegen positiv, weil die mit ihren Familien einquartierten Soldaten zwar Kinder zeugen, die Soldaten aber nur stationiert sind und hier nicht alt werden. Begraben werden nur Angehörige der wenigen, alteingesessenen Neustädter Familien. Ab 1780 gibt es Altersangaben: Das Durchschnittssterbealter ist 40 Jahre, mit 95%iger Wahrscheinlichkeit liegt es zwischen 9 und 71 Jahren, nicht scharf ausgeprägt wie etwa heute.

Kirchhof

Besondere Bestattungsorte sind: die Waisenkinder 1685-1707 neben dem großen Tor, Bewohner des Armenhauses gleich jenseits des Friedhofzaunes nahe der Pforte, Nichtlutheraner und andere "Unglückliche" in der äußersten westlichen Ecke. Besonders der erste Pastor notiert sehr akkurat die Himmelsrichtung der Bestattung, obwohl er nicht aus einer Seemannsfamilie stammt.

Erste Beerdigung

Die erste Beerdigung, ein 10jähriges Mädchen, auf "unserm neuen Johannis Kirchhofe", notiert der Pastor stolz.

Eintrag: Beerdigung ein von Kiel nach Lübeck reisender Junge.

Ein von Kiel nach Lübeck reisender Junge, der aus nicht mitgeteilten Gründen bei der Fegetasche in der Schwentine ertrinkt, findet deswegen seine letzte Ruhe auf dem Kirchhof, weil er nicht auf dem Gebiet der Altstadt, sondern auf dem des Amtes Plön [-Land] verunglückt. Besonders das mir bisher unbekannte Waschhaus der Neustadt, sicher am Ende der Johannisstraße, vielleicht wo früher die Wäscherei Eichmann arbeitete, hat für Lebensmüde eine besondere Anziehung, um dort ins Wasser zu gehen und dem sicherlich schweren Leben ein Ende zu machen.

Eintrag: Beerdigung des ersten Täuflings in der Johanniskirche, Hans Adolph Kohlmeier.

Auch den ersten Täufling in der Johanniskirche, Hans Adolph Kohlmeier, finden wir eine Woche nach seiner Taufe im Totenbuch wieder.

Pockenepedemie 1728.

Die Pockenepidemie vom Sommer/Herbst 1728 rafft besonders die Jugend der Neustadt dahin, wie diese wortkargen Eintragungen (auch auf der Folgeseite) und das Notabene belegen - zur Erinnerung, zwischen 1707 und 1753 wird die Gemeinde durch Pastoren der Altstadt verwaltet, warum also viel schreiben? Auf dieser Seite finden wir auch Gertrud Elisabeth Kohlmeier, verheiratete Kahl, wieder. Auch sie könnte/wird an den Pocken gestorben sein.

Augusta Clara Catarina Telemann, geb. Capsius

Als fast geschwätziger Eintrag sei der der Schwiegertochter des Hamburger Generalmusikdirektors Georg Philipp Telemann herausgesucht - ein Eldorado für Genealogen: Neben ihrem Namen und genauem Alter, dem Namen und Beruf des verstorbenen Ehemannes, werden die lebenden Kinder, die Namen und Berufe deren Ehepartner und die Enkel aufgelistet.

Daß Gottesdienste nicht ganz ungefährlich sind, man daher überlegen sollte, ihnen grundsätzlich fern zu bleiben, belegt dieser Eintrag im Totenbuch.

Daß Gottesdienste nicht ganz ungefährlich sind, man daher überlegen sollte, ihnen grundsätzlich fern zu bleiben, belegt dieser Eintrag im Totenbuch. Die uns inzwischen bekannte Familie Confessor hat viel Leid erfahren müssen. Die Beerdigung "in Südlage" an der heutigen Hamburger Straße ist ein kleiner Trost, da sie angesehenen Personen vorbehalten zu sein scheint.

Totenbuch Mai 1794

Ein Schuß beendet auch das Leben des kleinen Johann Carl Deneke, dessen Eintrag im Totenbuch wir uns lieber im "Klartext" ansehen sollten.

Ein Schuß beendet auch das Leben des kleinen Johann Carl Deneke

Die Mutter heiratet nach dem Tode des Vaters des kleinen Johann Karl einen Friedrich Bernhard v. Wickede und kauft von den Erben des hochherzigen Orgelspenders Tiedemann das große Haus Johannisstraße 8 deswegen, weil ihr neuer Mann versucht, dort eine Erziehungsanstalt und ein Pensionat aufzubauen, um mit den Pensionsgeldern der Eltern für ihre Kinder den Unterhalt seiner eigenen großen Familie zu bestreiten. Diese Geschäftsidee publiziert er in einer vom Amtmann Hennings herausgegebenen Zeitschrift. Sein pädagogisches Konzept orientiert sich an der Basedowschen Pädagogik und inhaltlich an den Programmen der späteren preußischen Realgymnasien. Zwei angestellte Lehrer finden sich in den Kirchenbüchern als Paten namentlich wieder. Der uns inzwischen bekannte Weimarer Literat und Gymnasiallehrer bemerkt bei seinem Besuch in Plön nach einem von der Witwe Lütje gekochten Essen über den Tischgenossen v. Wickede: "Der kleinste und hoffnungsvollste [der Stiefsöhne ...] ward vor einem Jahre von einem andern Zögling des Instituts mit einem geladenen Gewehr spielend erschossen. Die Mutter ist untröstlich und stirbt in der Schwangerschaft - was nicht stimmt. Die Alten [gemeint Eltern] der übrigen Zöglinge nehmen diese aus dem Institute, wo so wenig Aufsicht ist, weg, und der gute Wickede ist ohne Zöglinge, ohne Geld und ohne Aussicht".

Johanniskirche im N.O. Der Grabstein für den kleinen Johann Karl Deneke.

Der Grabstein für den kleinen Johann Karl ist einer der wenigen erhaltenen und hinter Rhododendronbüschen versteckt.

Der vorstehende Eintrag hat mich beim Lesen der Kirchenbücher besonders beschäftigt hat: Welche seelische Not leidet eine Frau, die ihr Kind (tot oder lebendig geboren bleibt strittig) heimlich in einem Garten zur Welt bringt und ins Wasser wirft?!

In Kürze: Zweimal von Mitgliedern des holsteinischen Adels vergewaltigt, wird das hübsche, sich nach verläßlicher Geborgenheit sehnende Dienstmädchen zum dritten Male schwanger. Dem mündlichen Eheversprechen entzieht sich der Liebhaber durch Flucht.

Prinzessinen-Hof um 1803

Ende 1796 findet sie eine Anstellung hier in diesem Hause, in dem Sie sitzen.

Garten der “Alten Apotheke” 1828

In dessen Nutzgarten bringt sie im April 1797 ihr drittes Kind zur Welt, wickelt es in eine blaue Schürze, Kind und Schürze treiben mit dem Strom des Stadtgrabens zum nahen See. Die Dittmann wird verhaftet und im Plöner Schloß arretiert. Epileptische Anfälle und tagelange Bewußtlosigkeit machen sie auf Dauer verhandlungsunfähig. Das Gericht entscheidet, daß die Dittmann in ihrer elterlichen Umgebung unter Auflagen bis zu ihrer Gesundung gepflegt wird, damit sie nicht in der Krankenstube des Glückstädter Zuchthauses zu Grunde gehe. Ein Jahr später stirbt ihr Vater, die Tochter entweicht, ihre Spur verliert sich.

© 2007 Gerhard Kay Birkner

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